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Teil 2: Afghanistan – Land des Zarathustra

Afghanistan Titel

 

 

 

 

 

Teil 2

Die Geschichte Afghanistans und die Bedeutung der Religionen für die kulturelle Entwicklung

Hinweise auf erste Kulturen auf dem Gebiet des heutigen Afghanistans werden auf den Zeitraum des 3. bis 2. Jt. vor unserer Zeitrechnung datiert. Die sog. Oasenkultur, in der bereits Ackerbau und Handwerk betrieben wurde und die eine deutliche Herrschaftsstruktur aufwies, ging um 1700 v.u.Z. zugrunde.

Ab dem 5. Jh. v.u.Z. gliederten die Perser das Gebiet in ihren Hoheitsbereich ein. Unter der Regentschaft der Archämeniden entstand die blühende Provinz Baktrien mit ihrem Zentrum Bactra, dem heutigen Balch. Es wird vermutet, dass der Religionsgründer und geistige Führer Zarathustra in Balch lebte, die Hinweise dafür sind aber wissenschaftlich sehr umstritten.1 Im Osten und Südosten reichte die Provinz Gandhara bis ins heutige Pakistan hinein. Bis heute gilt diese Region als angestammtes Land der Pashtunen, der größten und bedeutendsten Volksgruppe Afghanistans.2

 

Die Religionen und ihr Einfluss auf die kulturelle Entwicklung Afghanistans

Drei Religionen waren es, die die über 4000 Jahre alte Geschichte Afghanistans und die Kultur des Landes entscheidend beeinflussten: der Zarathustrismus, der Buddhismus und ab dem 7. Jh. n.u.Z. der Islam.

 

Brahmanismus und Zarathustrismus

Wichtige Hinweise und wertvolle Quellen zur Frühgeschichte des Landes finden sich in religiösen Schriften, den Veden3 und der Awesta4.  Durch den Einfluss der Brahmanen – geistliche Gelehrte, die auch für die Erziehung und Bildung der Kinder zuständig waren – wird diese Zeit auch als Brahmanismus bezeichnet. Die Veden lieferten den Unterrichtsstoff für die Moral- und Religionslehre, die als Hauptfächer in der schulischen Bildung galten. Dazu wurden sie auswendig gelernt.

Quelle: sahajawissen.org

 

Die Veden bieten darüber hinaus die wohl wichtigsten Informationen über die Arier, die um 2500 v.u.Z. vom indischen Subkontinent in die Region vordrangen und die kulturelle Entwicklung des Landes entscheidend beeinflussten. Von 1000 bis 700 v.u.Z. trug das heutige Afghanistan denn auch seinen ältesten überlieferten Namen: Ariana, Land der Arier. Für die Arier waren die Veden in sittlichen und erzieherischen Fragen von großer Bedeutung, Sitte und Moral wurden durch sie geprägt.

Im 6. Jh. v.u.Z. lebte und wirkte Zarathustra in der Stadt Balch, dem Zentrum Baktriens.5 Die Sammlung seiner Lehren, die Awesta, gibt neben den religiösen und sittlichen Regeln auch Auskunft über das Land und seine Bevölkerung. „Zarathustras Lehre stellte keinen Bruch zu der vedischen Lehre dar, sondern ist vielmehr als eine Ergänzung, Reform und Weiterentwicklung zu verstehen, die gleichwohl dem von Indien nach Westen vorgedrungenen Brahamanismus entgegen wirkte. In seinen Schriften hob Zarathustra den Dualismus von Gut und Böse hervor und schrieb den Menschen die bedeutungsvolle Aufgabe zu, als Schiedsrichter zwischen beiden zu fungieren. Er legte großen Wert auf das Zusammenleben der Menschen.“6 Gemessen an seiner Zeit, gelten die Lehren Zarathustras als fortschrittlich, ihre Maxime .- wie z.B der Stellenwert der Ehe und der Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen – finden bis heute hohe Anerkennung und Wirkung.

Nach der Eroberung Baktriens (um 330 v.u.Z.) durch Alexander den Großen, vermischten sich die Völker und Kulturen erneut. Viele Griechen blieben in Balch und brachten die Stadt und die Provinz zu neuer Blüte. Da die Lehre Zarathustras ein Leben in friedlicher Gemeinschaft forderte und somit zur Entwicklung einer fortschrittlichen Kultur beitrug, wurde sie von den Griechen akzeptiert. In dieser Zeit wuchs Balch zu einem kulturellen Zentrum heran, das von den Griechen „Perle und Ehre von Ariana“, von den Arabern „Mutter aller Städte“ genannt wurde.

 

Der Buddhismus

Quelle: Wikimedia.org

Ab ca. 100 v.u.Z. etablierte sich der Buddhismus und verbreitet sich rasch über das gesamte Land. Sein Zentrum lag in der zentralafghanischen Stadt Bamian, die durch den Buddhismus zu wirtschaftlicher und kultureller Blüte gelang. Die Stadt, die nach Meinung von Archäologen als Zeugnis der ältesten asiatischen Kultur gilt, war zugleich Stätte der Bildung und Erziehung.7

„Im Gegensatz zum Brahmanismus war im Buddhismus der Lehrerberuf nicht mehr vererbbar, auch war die Bildung nicht mehr nur für bestimmte Kasten zugänglich, sondern für alle, die Interesse und Fähigkeiten dazu besaßen.(…) Durch die Öffnung des Lehrerberufes für alle Bevölkerungsschichten gab es eine ausreichende Zahl von Lehrkräften, um die zahlreichen Schulen personell besetzen zu können. Der Buddhismus drängte zwar den Brahmanismus zurück, verdrängte ihn jedoch nie vollständig.“8

 

Der Islam

Mitte des 7. Jh. n.u.Z. erreichte die arabisch-islamische Eroberungswelle Afghanistan und führte schnell zum Untergang des buddhistischen Bamian. Getragen von den Lehren Mohammeds verdrängten die Muslime den bis dahin ungefährdeten religiösen Pluralismus und verhalfen dem Islam zu seinem Siegeszug. Seinen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung des Landes hat der Islam bis heute gefestigt. „Die kulturellen Veränderungen, die der Islam in das Land trug, waren von einschneidender Natur. Er predigte den Glauben an einen Gott (Allah) und lehnte den Heiligenkult, die Askese, das Kastensystem, die Rassendiskriminierung und den Mädchenmord ab. Er lehrte Brüderlichkeit, Offenheit, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Fleiß. Er verpflichtet die Wohlhabenden, den Armen zu helfen, indem er ihnen auftrug, einen Teil ihres Reichtums den Bedürftigen zu geben.“9

Die von den östlichen Landesteilen ausgehende Islamisierung des Landes erfolgte in der Ghaznaviden-Dynastie (962 – 1186 n.u.Z.). Ihr bedeutendster Herrscher, Sultan Mahmmud von Gazni, verbreitete nicht nur den islamischen Glauben und seinen Wertekodex. Er galt auch als großer Förderer der Wissenschaften und Kultur. Er versammelte Wissenschaftler unterschiedlichster Provenienz, vom Philosophen über den Naturwissenschaftler bis hin zum Kunsthandwerker und Maler. Unter Mahmmuds Regentschaft entstanden nicht nur Hochschulen und Bibliotheken, sondern auch prunkvolle Paläste und Moscheen. Aber auch die erste Sternwarte Asiens.

Mit dem Vordringen der Ghoriden (12 Jh. n.u.Z.) wurde die Verbreitung und Etablierung des Islam abgeschlossen. „Zu den einschneidenden Perioden in der Geschichte dieser Region gehört die Zeit zwischen der Eroberung Afghanistans durch Dschingis Khan 1218 – 1222 und der Herrschaft Timur des Lahmen 1383 – 1405. In dieser etwa 160 Jahre dauernden Periode wurden fast alle in Jahrhunderten von Afghanen aufgebauten kulturellen Errungenschaften vernichtet. In der Folgezeit war eine regelrechte Auswanderungsbewegung von Wissenschaftlern und Gelehrten nach Indien, Persien und in den nahen Osten zu beobachten.“10

Erst den Nachfolgern Timurs, den sog. Timuriden gelang es, insbesondere die Region um die im Westen gelegene Stadt Herat wieder zu einer glänzenden und prachtvollen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung zu verhelfen. Doch neu entstehende und nach Hegemonie strebende Machtblöcke gewährten dieser blühenden Epoche nur kurze Dauer. Die aufstrebende Moghul-Dynastie mit Sitz in Delhi (Indien) und die Safawiden-Dynastie mit ihrem Zentrum in Isfahan (Persien) teilten das Territorium unter sich auf.

 

Neuzeit und Gründung des Nationalstaates

Es folgten Jahrhunderte des Widerstands und der Befreiungsbestrebungen gegen die Fremdherrschaft, die bis in die Gegenwart anhalten sollten. 1747 gelang es dem Pashtunen Ahmad Schah Durrani im Osten des Landes ein eigenständiges paschtunisches Königreich zu errichten. Er gilt damit als Begründer des neuzeitlichen Afghanistans, dessen Staatsname sich erst 1919 etablierte.

Im frühen 20. Jh. n.u.Z. geriet Afghanistan zunächst in kriegerische Auseinandersetzungen der damaligen Weltmächte England und Russland, die jeweils eigene Interessen und geopolitische Ansprüche durchzusetzen suchten. Erst nach einem dritten Krieg gelang Amanullah Khan (1892 – 1960), den Briten die Anerkennung Afghanistans als souveränen Staat abzuringen und das Land in die Unabhängigkeit zu führen. Amanullah sollte das Land von 1919 bis 1926 zunächst als Emir, von 1926 bis 1929 als König von Afghanistan regieren.

Ihm folgte Mohammed Sahir Schah an der Spitze des Königreichs, bis ihn 1973 Mohammad Daoud stürzte und die Republik proklamierte. 1978 war es dann Nur Muhammad Taraki, der die Demokratische Volksrepublik Afghanistan ausrief. Taraki suchte mit sowjetischer Unterstützung eine Umgestaltung des Gesellschaft, indem er u.a. die Alphabetisierung der Bevölkerung voran treiben wollte. Erbitterter Widerstand aus Teilen insbesondere der Landbevölkerung führten im Dezember 1979 zum Einmarsch sowjetischer Truppen. Es begann ein zehnjähriger Stellvertreterkrieg, der zu einer Erstarkung der durch die USA, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützten Mudschaheddin führte. Nach dem Abzug der Sowjets konnte sich der von ihnen gestützte Präsident Mohammed Nadschibullah noch an der Macht halten, bis die Mudschaheddin 1992 Kabul einnahmen. Es folgten grausame innenpolitische Machtkämpfe, die zigtausende Tote forderten und zu einer weitgehenden Destabilisierung des Landes führten. 1994 eroberten die von radikalen ausländischen Islamisten unterstützten Taliban zunächst die ersten Provinzen im Süden und Osten und riefen schließlich im September 1996 das Islamische Emirat Afghanistan aus. Dieses „Emirat“ wurde jedoch nur von Pakistan, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten anerkannt.

 

Krieg ohne Ende

Die Taliban wurden immer auch mit der internationalen Terrororganisation Al-Qaida in Verbindung gebracht, die nach offiziellen Darstellungen für die Anschläge auf das World Trade Center in New York (2001) verantwortlich sein soll. Dieser Anschlag, dem mindestens 3000 Menschen zum Opfer vielen, führte zu einer Invasion Afghanistans durch US- und Nato-Truppen, die nun auch schon seit über zehn Jahren anhält und das Land nicht zur Ruhe kommen lässt.

 

© Norbert Wiersbin (2013)

 

 

Es folgt Teil 3:

Die Bevölkerung Afghanistans und ihre Lebensweise

 

 

Rückschau:

Vorankündigung: Afghanistan – Land des Zarathustra

http://norbertwiersbin.de/vorankundigung-afghanistan-land-des-zarathustra/

 

Teil 1:

Das Land und seine geopolitische Bedeutung

http://norbertwiersbin.de/afghanistan-land-des-zarathustra/

 

 

 

1 Selbst die Lebenszeit Zarathustras kann bis heute nicht eindeutig bestimmt werden, je nach Quelle wird diese zwischen dem 17. bis hin zum 5. Jh. v.u.Z. angegeben.

2 Auf die unterschiedlichen Ethnien Afghanistans soll im dritten Teil dieser Serie detaillierter eingegangen werden. Angemerkt sei hier aber, dass der größten Volksgruppe, den Pashtunen, das Land seinen inoffiziellen Namen verdankt: Pashtunistan

3 Die Veden sind in vier Teile gegliedert und wurden bereits im 5. bis 3. Jt. v.u.Z. verfasst. Sie wurden durch Priester und Gelehrte mündlich überliefert und erst um das 6. Jh. n.u.Z. auf Palmblättern und Tierhäuten verschriftlicht.

4 Die Awesta ist eine Sammlung religiöser Texte, die die Anhänger Zarathustras zusammen getragen haben.

5 Trotz der bereits erwähnten Unsicherheiten zu den Lebzeiten Zarathustras, schließe ich mich hier den Angaben des afghanischen Erziehungswissenschaftlers Sher Jamir an. Vgl. hierzu: Jamir, Sher, Zum Problem des Analphabetismus in Afghanistan, Ursachen, historische Entwicklung und aktuelle Konzepte, Lit-Verlag, Münster 1991

6 Jamir, Sher, a.a.O., S.66

7 Die weltberühmten Statuen im Tal von Bamian galten als die größten stehenden Darstellungen Buddhas. Sie wurden 2001 durch einen Anschlag der sog. Taliban unwiederbringlich zerstört.

8 Jamir, Sher, a.a.O., S. 69

9 ebenda, S. 70

10 ebenda, S. 73

2 Kommentare

  1. das ist sehr schön erklärt.Ich frage mich aber wie radikal sich ein mensch manipulieren Läst das kann doch nicht von Glauben herrühren oder

    • Hallo Ines, danke für Deinen Kommentar. Nun, die kleine Serie über Afghanistan wird ja noch weitergehen, auch das Bildungswesen werde ich vorstellen. Dann wird auch deutlicher werden, welchen Einfluss alle Religionen auf die Bildung und das Bewusstsein haben. Bleib mir doch einfach treu ;)

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